Eine junge Frau spaziert unschuldig und nichts böses ahnend durch einen Supermarkt. Sie wandelt verträumt durch die Gänge - der Tag war lang und ihre Gedanken haben es sich bereits zu Hause im Sessel gemütlich gemacht. Um eine letzte Ecke muss sie noch biegen, dann hat sie den Ausgang erreicht. Plötzlich hält sie erschrocken inne.
Ein düsterer Schatten legt sich drohend über sie. Verwirrt hebt sie den Blick, richtet ihn auf die Stelle, an der ihr noch gestern gähnende Leere einen freien Zugang zur Kasse gewährt hatte. Doch nun gibt es keinen Ausweg mehr, kein Entkommen. Langsam, beihnahe zögernd wandern ihre Augen nach oben. Ihr Gesicht verrät, sie ahnt Schlimmes. Zentimeter für Zentimeter tut es sich vor ihr auf: ein riesiges Monstrum, das ihr gnadenlos den Weg versperrt. Geradezu übermenschlich groß, kaum überschaubar, ragt es hoch über ihren Kopf hinaus und grinst hämisch auf sie herab. Ein kalter Schauer jagt ihr über den Rücken.
Panisch blickt sie um sich, sucht vergeblich nach einer Fluchtmöglichkeit. Doch sie ist gefangen - gefangen zwischen einer längst vergessenen, im Tiefschlaf liegenden Eistruhe, einem grell leuchtenden Coca-Cola-Kühlfach und einer Armee von Einkaufswagen, die sich im leblosen Gleichschritt auf die Kasse zu bewegen. Wieder richtet sie den Blick auf das Monster, gebannt, gefesselt, hypnotisiert. Ihr Geist wehrt sich verzweifelt, doch die Einzelheiten seiner Abscheulichkeit dringen in ihr Bewusstsein und brennen sich unauslöschbar in ihre Erinnerung. Sein Körper gleicht einer unförmigen Masse, die Oberfläche gezeichnet von einem gleichmäßigen Muster aus verzerrten Beulen und tiefen Furchen. Er ist in dunkles Rot getaucht, das unheilvoll schimmert.
Die Sekunden kriechen dahin während sie bewegnungslos da steht. Sie wirkt unendlich klein neben ihrem unbezwingbaren Gegner. Angewidert schweift ihr Blick nach oben über die immer kleiner werdenden Ausbeulungen. Sie zuckt ängstlich zusammen - das Monster hat die rechte Hand hoch erhoben. Drohend schebt sie über ihrem Kopf, hält eine grausame Waffe fest umklammert.
Fassungslos starrt die junge Frau auf die Glocke, die, größer als ihr Kopf und golden glänzend, hoch in die Luft ragt. Da ertönt hinter ihr ein zartes, aufgeregtes Stimmchen.
“Oooh, Papa, schau mal, da! Papaaa, bekomm ich einen von den Schokonikoläusen?”
Eine tiefe Stimme antwortet, sanft aber bestimmt. “Na gut, Leni. Aber nur einen kleinen. Sieh mal, so einen hier, aus der obersten Reihe. Eigentlich ist es dafür doch noch viel zu früh. Einen großen kaufen wir erst im Dezember!”
Die junge Frau steht noch immer reglos da. “Entschuldigen Sie bitte-”, vernimmt sie die tiefe Stimme nahe an ihrem Ohr. Eine Hand schiebt sich an ihrer Schulter vorbei, greift ohne zu zögern in das Monster hinein, und da wo eben noch eine kleine, tiefrot glänzende Beule saß klafft nun ein dunkles Loch.
Die junge Frau betrachtet das Loch gedankenverloren. Dann blinzelt sie benommen und wendet sich langsam ab. Sie findet einen Weg um das Monster herum und prägt ihn sich gut ein. Sie wird ihn noch öfter gehen müssen. Als sie das Monster hinter sich lässt, fällt der Schrecken nach und nach von ihr ab. Sie wird dem Anblick nun noch einigen Wochen lang ausgesetzt sein, wird sich zögernd an dem furchteinflößenden Grinsen und der hoch erhobenen Riesenglocke vorbeischieben.
Doch das Monster ist nicht unbesiegbar. Soeben hat es seine erste Wunde davon getragen. Und bald, das kann sie schon jetzt ahnen, wird es gänzlich ausgeschlachtet sein.



Manueller Trackback: Da ging ich gestern durch den Supermarkt…
P.S.:Das wär doch was für einen gumo
bist du krank?:-D